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Die Kraft der Natur
Susanne von Siemens

Susanne von Siemens Objekte schöpfen aus der Kraft der Natur. Sie sind von einer bestechenden Klarheit und meditativen Schlichtheit, folgen einer geistigen Ordnung, wie sie in der abstrakten Kunst unabdingbar ist. Gleichzeitig sind sie die Umsetzung von Stimmungen und Gedanken.

Auf der Suche nach einer elementaren Ästhetik, die Botschaften übermittelt, misst die Künstlerin die Möglichkeiten der Abstraktion aus. Die in vielen Fällen nur wenige Zentimenter großen Kunstwerke übertragen Gegenstände der realen, gefühlten und sichtbaren Welt in den Bereich der Gegenstandslosigkeit, ohne jemals ihren inneren Gehalt zu vernachlässigen.

 

Die verwendeten Materialien sind Fundstücke: Holz, Seil, Draht, Metall, Samenkapseln, Knöchelchen und Wurzeln. Durch die künstlerische Hand werden sie in bildhauerische Gedankensplitter voller Tiefgang umgedeutet. Schimmernde Mohnkapseln tanzen in Imkerrahmen wie Notenzeichen, geometrische Formen wie Kreis und Dreieck halten sich durch feinsinniges Ausponderieren der lastenden und schwebenden Kräfte in einer sensiblen Balance, Halbkreise aus Rinde formieren sich zur durchlässigen Konstruktion im Raum. An Eindrücken der äußeren wie inneren Natur bringt die Künstlerin nicht nur das Unterbewusste und Spontane, sondern auch die Vernunft und das Bewusste ins Spiel.

 

Susanne von Siemens forscht nach den Ursprungsquellen der Materialien, die sie für ihre Kunst verwendet und spielt mit den Gegensätzen von grober Natürlichkeit und feiner Poesie. Sie bringt ihre Formen in einer Grammatik zum Ausdruck, die mit der untrennbaren Einheit von Yin und Yang zusammenhängt.

Halme, Samen, Schoten und Hölzchen werden - in Anlehnung an die Kunst der östlichen Kalligrafie – zu rätselhaften Chiffren montiert. Titel wie "balz", "balance" und "verbindung" stellen den Bezug zu menschlichen Gefühlen und Befindlichkeiten her. Dabei geht die Künstlerin oftmals den umgekehrten Weg, macht nicht Kleines zu Großem, sondern verwandelt monumentale Formen in Miniaturen, in sensible Aphorismen. Ihre großen Objekte hingegen beeinflussen und formen den Raum. Im Großen wie im Kleinen gestaltet sie Atmosphäre, indem sie das Wesen der Dinge herausschält und aufs Gleichgewicht der Kräfte bedacht ist. Die Ästhetik einiger früherer Arbeiten erinnert an ethnische Kunst. Mit dem Blick für Wuchs und natürliche Form bearbeitet Susanne von Siemens schlanke Hölzer und steigert damit deren ursprüngliche Kraft. Neben all der Achtsamkeit für das, was hinter der sichtbaren Oberfläche liegt, sind ihre federleichten Spielereien von einer stillen Heiterkeit. Sie strahlen Ruhe und den maßvollen Umgang mit den Dingen aus.

 

Die Künstlerin hat eine eigene Formensprache entwickelt, die Fremdes mit Vertrautem vereint. Ihre Objekte entfalten einen symphonischen Gesamtklang und offenbaren – mit dem untrüglichen Blick fürs Unscheinbare – den Respekt vor Natur und Schöpfung. Damit spricht Susanne von Siemens die Einheit von Kunst und Leben an.

 

Dr. Bärbel Schäfer, Kunsthistorikerin